Prollizei?!

Liebe Freunde der unbeschwert-experimentierfreudigen Unterhaltung!

In einer Zeit, in der Formate wie z.B. DSDS in (oft sehr untalentierten) Menschen gerne große (oft sehr unrealistische) Wünsche & Hoffnungen schüren, um diese dann vorzuführen und zu verlachen, sind Orte wie unsere Offene Bühne in der Kaufbar wertvolle Freiräume. Klein, einladend und mit einem Publikum, das sich gerne für fast alles begeistern lässt, mit leuchtenden Augen auch in abgedrehte Performances und wilden Quatsch einsteigt, besonders laut und herzlich für die klatscht, die sich schüchtern vielleicht sogar das erste mal mit zitternden Händen auf die Bretter wagen. Das haben viele von uns am eigenen Leib erlebt. Und das ist großartig, wertvoll und soll auf jeden Fall so bleiben.

Aus gegebenem Anlass, möchte ich heute dennoch zu einer Diskussion anregen, die gerade für eine kleine persönliche Bühne von großer Wichtigkeit ist:
WIE OFFEN IST OFFEN? (WO) HAT DER FREIRAUM SEINE GRENZEN? UND WIE ZIEHT MAN DIE?
…wenn man sie zu eng setzt, geht womöglich der Zauber der ganzen Sache verloren, der Charme des Einfach-Mal-Probieren-Dürfens.
…wenn man sie zu weit zieht, entsteht womöglich eine Plattform für Garstigkeiten, derer absolut platter Sexismus nur eine ist.

Brauchen wir womöglich ein “Leitbild”, das den Freiraum einschränkt, damit er weiterhin frei sein kann?

Herzliche Aufforderung, an der Diskussion teilzunehmen!!!
Beste Grüße,
melvin

10 Kommentare zu “Prollizei?!”

  1. Melvin  on Juli 3rd, 2009

    [verfasst von ADRIAN, quote aus dem Vorartikel:]

    Liebe Braunschweiger Musiker_Innen und Zuschauer_Innen!

    “Aus Göttingen” bedankt sich für einen wundervollen Abend mit viel Kreativität und Musik. Eure Offene Bühne ist ein tolles Ereignis, und wir haben es sehr genossen, wie aufmerksam und konzentriert bei Euch den Musiker_Innen auf der Bühne zugehört wird. Gerne wieder!

    Für mich der einzige Wermutstropfen: sexistische und unlustige Possenreißerei (ich weigere mich sogar, es Comedy zu nennen) auf der Bühne. Ich finde, dass eine offene Bühne zwar eine Plattform für jede(n) darstellt, und Zensur das Letzte ist, was wir wollen (insofern soll natürlich niemand von vorne herein ausgeschlossen werden)- aber immerhin das Publikum hat die Macht, sich nicht nur klatschend und bejahend, sondern auch negativ, buhend oder durch Zurufe zu dem zu äußern, was auf der Bühne passiert. Und wenn jemand auf der Bühne eine unlustige, dermaßen frauenfeindliche, noch unter Stammtisch-Niveau liegende Sexismus-Kacke vom Stapel lässt wie Herr Müller, dann sollte man das nicht stillschweigend hinnehmen (man munkelt, dem guten Herrn sei bei einem Auftritt in Gifhorn oder Umgebung auch kürzlich reichlich der Kopf gewaschen worden- anscheinend hat er es nicht verstanden).

    Also auch wenn ich sehr begrüße, dass ihr alle ein sehr tolerantes und akzeptierendes Publikum seid (was an sich eine tolle Stimmung schafft, und sehr ermutigend wirkt, sich auf die Bühne zu trauen), muss bei so etwas eine Grenze gezogen werden. Und ich habe während des Auftrittes von Herrn Müller viele gesehen, die peinlich berührt zu Boden geblickt haben, oder verblüfft guckten, was dieser Mann auf der Bühne, der anscheinend in einer Mischung aus später Midlife-Crisis und überkompensiertem Penis-Minderwertigkeitskomplex zu leiden scheint, so erzählt. Warum nicht laut werden? Die Palette ist weit: Störende laute Gespräche, „Unlustig“-Rufe, kleine Sprechgesänge, oder am besten eine laute und offene Diskussion darüber, dass diese überaus unangenehme Form von Macho-Selbstdarstellung in einer zunehmend emanzipierten Gesellschaft keinen Platz hat. Jedenfalls hoffentlich in Zukunft nicht mehr auf euer Offenen Bühne!

    Um meinen Kommentar positiv zu beenden (denn es war ansonsten ein wirklich schöner Abend): Ihr seid alle herzlich eingeladen, am Samstag Abend zur Offenen Bühne beim Sommerfest des KABALE in Göttingen anzureisen!

    Beste Grüße,
    Adrian

  2. Melvin  on Juli 3rd, 2009

    [melvin's Antwort, auch gequoted]:

    Sehr wahr, mein Bruder. Allerdings muss ich folgendes hinzu fügen:
    1) Ein beschämtes Zu-Boden-Schauen von Publikums-Seite aus müsste doch eigentlich ein sehr sehr deutliches und AKTIVES Zeichen für jemanden auf der Bühne sein. Zumindest, wenn es wirklich ALLE machen. Wie ja der Fall.
    2) Herr Müller hatte seine Chance und ich finde es von der Kaufbar sehr tolerant, dass sie ihm diese gelassen hat. Mir kam es nicht so vor, als wenn ER hinterher viel Lust gehabt hätte, zu bleiben (oder hat ihn noch jemand gesehen?)
    3) Chance gehabt ist gut und fair und richtig. Sollte ER mit neuen “Witzen” dieser Art zurück kehren, wird es ganz bestimmt nicht noch einmal so sein, dass wir uns nur still in uns hinein schämen!

    An sich befürworte ich sehr, dass unsere offene Bühne einer der wenigen Orte ist, an denen Menschen sich noch ausprobieren dürfen und sogar offiziell aufgefordert sind, dies zu tun!

  3. Melvin  on Juli 3rd, 2009

    [jetzt wieder Adrian]
    [letztes Quote, dann hoffentlich frisch und munter HIER weiter!!!]

    Lieber Bruder! Liebe Alle!

    Ich stimme zu, dass es unglaublich wichtig ist, Orte zu schaffen, an denen Menschen aufgefordert sind, sich auszuprobieren. Orte, an denen wenig Zwänge herrschen, und viel Akzeptanz und Toleranz. Allerdings kommt man dabei auch zu der alten Frage: Geht Toleranz so weit, dass man Intoleranz toleriert? Ein FREIRAUM soll jedem und jeder die Chance geben, sich selbst auszuprobieren- aber nur so weit, wie es nicht auf Kosten anderer geht! Und die Witze von Herrn Müller gingen auf Kosten der Frauen, die da waren (oder zumindest gegen sein Konzept von Frau), und schränkt dadurch andere Menschen ein, sich in diesem Raum wohl zu fühlen. Und damit verletzt er die Regeln eines freien Raumes, und sollte gerade zur Aufrechterhaltung der freien, akzeptierenden Athmosphäre in seine Grenzen gewiesen werden!

    (Außerdem fand ich seine Witze auch noch ekelig und unappetitlich, mal ganz abgesehen von der Dimension der Frauenfeindlichkeit…)

    Ich möchte noch ein paar Worte schreiben, warum ich diese Diskussion hier wichtig finde: Es geht dabei nicht nur um den konkreten Fall, sondern solche “Herr Müllers” begegnen einem im Alltag immer wieder. Sie stehen nicht immer auf einer Bühne, aber Rassismen und Sexismen werden von ihnen gerne in “harmlose” Witze, Sprüche oder Kommentare verpackt. Kollektives Handeln gegen solche Diskriminierungen finde ich wichtig, denn als Einzelner fühlt man sich immer schlecht dabei, unbequem zu sein oder sich so “spießig” zu verhalten, etwas gegen einen Witz zu haben. Deshalb finde ich es wichtig, Handlungsmuster zu entwickeln, wie man mit solchen Situationen umgeht, und sich auszutauschen, damit man weiß, dass man nicht als einziger etwas gegen solche Einstellungen hat.

    Ich finde interessant, zu hören, was ihr darüber denkt- vielleicht bin ICH ja der Einzige, der ein Problem in dieser Art von Auftritt sieht, oder hier unnötig über-problematisiert?

    Herzliche grüße,
    Adrian

  4. Jaffi  on Juli 4th, 2009

    Liebes, hochverehrtes Bruderpaar, lieber Rest!

    unächst finde ich es gut, dass eine solche Diskussion angestrebt wird. Allerdings muss ich Melvin recht geben, dass im Falle von Herrn Müller ja durchaus, wenn auch keine agressiven, Reaktionen seitens des Publikums gab. Und jetzt mit Regeln zum Buh-Rufen anzufangen halte ich auch für wenig praktikabel. Ich denke, hier ist, wie im realen Leben auch, die Courage des einzelnen gefragt. Eine spontane laute Ablehnung in Form von z.B. Zwischenrufen ist durchaus ein Mittel dabei, aber wie gesagt, SPONTAN eben.
    Und das hat es ja durchaus auch schon im Vorfeld gegeben (z.B. bei Walldorf-Witzen) und sollte weiter so gehandhabt werden wie bisher.

    Soweit meine Ansichten, ich fand es ansonsten auch sehr gut (wie immer;) ), danke für die Aufmerksamkeit,
    der Jaffi

  5. Felixxx  on Juli 4th, 2009

    Ihr all seiet gegrüßet,

    Ehrlichgesagt ist es schon ein wenig heikel, dass ausgerechnet ich mich zu diesem Thema äußere, da meine Lieder eben teilweise genau in diese Sparten treffen, mal abgesehen vom letzten Mal. Leider (oder auch nicht?!) habe ich diesen “Herr Müller” wohl verpasst, aber es scheint ja wirklich starker Tobak gewesen zu sein… Mir scheint die Reaktionen waren angemessen, wie Melvin schon sagte. Anders wäre es wohl, wenn dieser Mensch jenes Programm so nocheinmal aufziehen wollen würde.

    Ich bin, seit ich denken kann, ein wahrhaft großer Gegner von Intoleranz und Diskriminierung. Wenn ich nun meine Lieder wie etwa “Waldorfschüler” vortragen möchte, so stelle ich für gewöhnlich auch vorher klar, dass ich das Lied nicht ernst meine und mit Klischees gearbeitet wird. Auch habe ich zB schon von vielen Waldorfschülern positive postings bekommen, die mich so verstehen, wie es gemeint ist, also eher neckisch. Diese Diskussion hat mich allerdings nun sehr zum Nachdenken angeregt, zumal es für mich nie ein großes Thema war und stets nur Quatsch machen bedeutete.

    Ich versuche eigentlich grundsätzlich keinem auf die Füße zu treten und eventuelle Missverständnisse vorher auszuräumen, aber vielleicht wollt ihr euch einfach mal dazu äußern. Würde mich freuen.
    (die Lieder könnt ihr übrigens auf http://www.myspace.com/felixschlott anhören und runterladen)

    Vielen Dank für jegliche Kritik.
    Der Felixxx

  6. Adrian  on Juli 4th, 2009

    Hi y´all!
    Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich wollte auch nicht zu irgendweiner Form von Zensierung anregen, sondern nur zum Nachdenken und diskutieren!

    Felix, ich denke, Provokation und das Spiel mit Klischees sind großartige künstlerische Mittel, die du weiter einsetzen solltest. Es geht ja auch nicht darum, niemandem auf die Füße zu treten (das sollte und darf man meiner Meinung nach gerne ab und zu auch tun), sondern mir geht es um darum, wie man menschenverachtenden Grundhaltungen und Diskriminierungen begegnen kann. An sich kann man Dinge wie das mann-Frau-Verhältnis, (homo-)Sexualität, Waldorf u.v.a. gerne thematisieren, auch auf lustige Art und Weise, auch durch das Spiel mit Klischees und Stereotypen, aber (wie Mel glaube ich schon sagte): Der Ton macht die Musik. Durch die Form des Auftretens und präsentierens, z.B. bestimmte Ironie-Marker, wird ja auch deutlich, wie ernst etwas gemeint ist. Und gerade ein Raum wie die offene Bühne läd ja auch dazu ein, in Pausen oder hinterher Künstler_Innen anszusprechen und über eigene Songs oder Texte zu reden- insofern schade, dass Herr Müller nicht mehr da war, den hätte ich gerne mal angesprochen.
    Um zu vermeiden, dass wir das Thema totdiskutieren: Wie wäre es mit einer künsterlischen Reaktion auf Herrn Müller? Ich rufe zu einem Songwriter-Performance-Sketch-Art-Kontest auf, bis zur nächsten offenen Bühne! Titel des Songs/Werkes: “Sexistischer Kackscheiß”! Preis: Für jede(n) TeilenehmerIn gibt’s einen tollen bunten „Fuck your Gender“ Button ;-)

  7. mel  on Juli 4th, 2009

    Und eine Judith-Butler-Pappmaske! :)
    Jungs, Mädels, Gender-Kontinuum: ich freue mich, dass hier eine fruchtbare Diskussion ins Laufen kommt und werde mich aktiv beteiligen, sobald ich von der deutsch-türkischen Lesben-Hochzeit heute Nachmittag zurück bin. Hehe. Also: Thank God I’m am Atheist…

  8. ralfB.  on Juli 4th, 2009

    Die große Kleinkunst soll ja “unbeschwert und experimentierfreudig” sein, weit ab jeglicher Zensur. Alles weitere regelt das interessiert-aufmerksame Publikum mit gesundem Menschenverstand (oder was auch sonst immer). Der “Zauber” der Offenen Bühnen ist vor Überraschungen nicht gefeit – Vortragende aber auch nicht vor Volksgemurmel, Buh-Rufen, Pfiffen oder frenetischem Applaus. Hier ist eindeutig das Publikum gefragt!

    Der besagte “Witzeerzähler” wurde in der Tat bei der 15. Offenen Bühne in Lehrte vom dortigen Fachpublikum ultimativ der Bühne verwiesen. ‘n bisschen mehr Selbstvertrauen, braunschweiger Publikum!

  9. jerg  on Juli 14th, 2009

    ich bin von so manchem beitrag hier schwer beeindruckt. da gibt es auch einfach nicht mehr viel hinzuzufügen und wir scheinen da einer meinung zu sein.
    nur: gespräche im publikum um desinteresse zu zeigen finde ich nicht gut. mut zeigen und dazwischenhauen, oder es bleiben lassen.
    das führt jetzt schon ein wenig davon weg liegt mir aber am herzen:
    genau das führt sonst nämlich zu einem publikum, was sich nicht mal 5 minuten zusammenreißen kann, welches bei jeder nummer, die auch nur uninteressant wirkt zu tuscheln anfängt und gerade unerfahrenen künstlern jegliche chance nimmt sein stück so rüberzubringen, wie er sich das gedach hat. leider habe ich über die letzten offenen bühnen dieses verhalten mehr raum gewinnen sehen. deswegen mein aufruf:
    BITTE WAHRT DIESE TOLLE ATMOSPHÄRE UND GEBT JEDEM EINE CHANCE, AUCH WENN ER EUCH NICHT AUS DER SEELE SPRICHT, SEIN MUSIKGESCHMACK EIN GANZ ANDERER IST, ER AN SEINEM INSTRUMENT NOCH NICHT SO GUT IST, ODER VERBALLERT WIRKT, ODER WAS AUCH IMMER.
    naja, aber im fall von herrn müller.. da darf man auch gerne mal mit stumpfen großen briefbeschwerern werfen!
    nee, im ernst: wär ich nich schon rauchen gewesen hätte ich wohl nen anfall bekommen. ich hasse ja schon diese mario barth “ich kloppe jez aber wirklich SO lange mit einem vorschlaghammer auf sämtlichen klischees rum, bis ihr aber auch wirklich ALLE glaubt, dass wir vollkommen unterschiedlich sind..”-getue wie die pest, aber bei dieser form des sexismus, sind 10 minuten auf unserer bühne einfach genau 10 minuten zu lang…
    so schlimm das war, ich bin froh, dass sich auf grund dieses auftritts hier viele so gute gedanken gemacht haben. hoffentlich verbessert das unsere ob wiedermal ein stückweit. (auch wenn ich mir mehr blut untenrum wünschen würd… (ob, verstehste? haaaaaa *brüll* *aufschenkelklopf*)).
    ach, euer humor is doch einfach zu schlecht…

    liebstes,
    jerg

  10. ew0lff  on Juli 17th, 2009

    hallöchen!
    ich muss zugeben, dass ich die letzten obs verpasst habe – auch die letzte, da ich dem ewigen verschieben nicht hinterher gekommen bin…bin halt etwas laangsaaaaaam…
    aber was ich so bislang über diesen krassen auftritt gehört habe vershclägt mir schon die sprache. ich muss zugeben,mein erster gedanke war: führen wir doch die rote karte ein…wenn ein großteil dieser in der luft sind, sollte der künstler die bühne verlassen. bei längerem nachdenken, erscheint diese idee aber weniger praktikabel und verleitet zum karte zeigen, nur weil ich grad was anderes sehen möchte, oder um mal zu sehen was passiert…da denke ich ist ein aktives publikum wirkungsvoller. ich meine, klar sollte man schon merken, wenn keiner lacht und man eigendlich für lacher sorgen wollte macht man wohl was falsch. aber wenn es so weit geht, dass sich ein großteil ernsthaft belästigt fühlt und der auf der bühne aktive es nicht war haben möchte, dann denke ich ist ein direktes feedback angesagt.
    ich meine ich versuche ja auch immer wieder lustig zu sein, und meiner erfahrung nach tritt man dadurch immer einer bestimmten gesellschaftsschicht zu nahe. aber alles in maßen, oder wie A so schön sagte: der ton macht die musik. das sollte man besonders bei der offenen bühne übertragen können: das publikum macht das programm! irgendwie sag ich sicher nichts neues, aber das musste raus.
    wir sehen uns bei der nächsten ob!
    gruß
    em


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